🏃♂️ 5235 — Zwischen Atem, Stein und Wasser
Herbst an der Trave, Lübeck-Marathon 2025
Bevor alles in Bewegung kam, war erst einmal Atem. Viele Atemzüge, dicht nebeneinander, im Startbereich. Thomas stand neben mir, ruhig, konzentiert, und ich spürte dieses leise Knistern aus Erwartung und Stille, das entsteht, wenn man weiß: Gleich geht es los.
Ich trug meinen Regenponcho, obwohl es nicht regnete — nicht aus Vorsicht, sondern um warm zu bleiben, während der Körper noch zögerte, in den Lauf zu finden. 5235 auf meiner Brust, 5236 auf Thomas’.
Am Vortag hatten wir einen Läufer getroffen, der uns eine Drehung zeigte, ganz aus dem Stand: erst etwa 90 Grad, dann 180 Grad, später 270 Grad — und schließlich, nach ein paar Versuchen, ungefähr 360 Grad. Ein kleines Spiel mit Balance und Vertrauen, fast wie eine Vorbereitung auf das, was kommt: nicht kämpfen, sondern sich ausrichten.
Der Start. Thomas lief schneller los als ich. Ich blieb bewusst in meinem eigenen Rhythmus, ließ die Schritte ruhig, als müsste ich erst hören, wie mein Körper heute sprechen will. Bei ungefähr Kilometer 2 zog ich den Poncho aus, ließ die kühle Luft an die Haut,
und irgendwo zwischen Atem und Schritt begann der Lauf, wirklich da zu sein.
Nach etwa einer Stunde, um Kilometer 11,
holte ich Thomas wieder ein. Wir liefen ein Stück zusammen, ohne Eile, ohne großes Gespräch. Für einen Moment überlegten wir, ob wir den Rest gemeinsam laufen.
Dann war schnell klar: jeder bleibt bei seinem eigenen Gefühl. Es war keine Entscheidung gegen das Miteinander, sondern für den eigenen Rhythmus. Wir nickten uns zu, und ich ließ mein Tempo langsam wachsen, Schritt für Schritt, so, wie es sich richtig anfühlte.
Entlang der Trave standen Menschen am Rand, klatschten, riefen, lachten,
und ihre Stimmen mischten sich mit Wind und Wasser. Schweiß auf der Haut, Atem im Takt der Schritte, dieses Gefühl, wenn der Körper warm ist und sich gleichzeitig weit anfühlt — als würde man nicht nur laufen, sondern durch etwas hindurchgleiten.
Am Wendepunkt drehte der Wind.
Er kam jetzt von vorn, kühl und klar, und für ein paar Kilometer schloss ich mich einer kleinen Gruppe an. Nicht aus Ehrgeiz, eher aus einem leisen Einverständnis: gemeinsam durch diesen Abschnitt, Schritt hinter Schritt, im Windschatten, während das Wasser neben uns ruhig weiterfloss.
Kurz darauf führte die Strecke am Wasser entlang, vorbei am alten Leuchtturm in Travemünde. Ich war nicht oben, ich war nicht einmal dort drin — und doch war er plötzlich Teil meines Laufs.
Ein Turm aus Backstein, seit 1539 an diesem Ort, mit Ziegeln voller Salzluft und Geschichten.
Während ich vorbeilief, träumte ich mich für ein paar Schritte hinein in die Nächte, in denen dort oben jemand stand und in die Dunkelheit geschaut hat, auf der Suche nach Bewegungen auf dem Wasser. Es war, als würde mein Lauf für einen Moment nicht nur durch Raum, sondern auch durch Zeit gehen.
Nach und nach löste sich die Gruppe auf.
Manche fielen zurück, andere zogen davon.
Schließlich blieb nur noch ein Läufer an meiner Seite, und wir liefen so, als hätten wir uns verabredet, obwohl wir kein Wort gewechselt hatten.
Bis etwa Kilometer 34 trug uns dieser gemeinsame Rhythmus, dann trennten sich auch diese Schritte wieder, und ich merkte, dass noch Luft da war, dass mein Körper noch etwas zu geben hatte.
Dann der Tunnel.
Fast ein Kilometer unter der Erde, und plötzlich war da Musik — Disco-Rhythmen, Lichter, die über die Wände tanzten, als hätte jemand beschlossen, diesen dunklen Übergang für einen Moment in Bewegung und Farbe zu tauchen. Die Schritte wurden lauter hier unten, nicht weil wir stärker auftraten, sondern weil der Raum sie zurückwarf, als würde der Tunnel selbst mitlaufen, jeden Atemzug, jeden Tritt mitnehmen und weitertragen.
Für einen Augenblick war alles Klang und Puls, Bewegung und Echo, bevor wir wieder ins Tageslicht auftauchten, als kämen wir aus einem eigenen kleinen Zwischenraum zurück.
Als wir wieder ins Freie kamen,
war das Ziel nicht mehr weit — aber auch noch nicht nah.
Erst noch ein gutes Stück auf der Straße,
Kilometer, die wieder offen waren,
bevor sich alles langsam sammelte
und schließlich nur noch ungefähr ein Kilometer blieb.
Die Strecke führte über die Brücke vor dem Holstentor.
Ein Übergang aus Stein und Geschichte,
über die Trave hinweg, hinein in diesen letzten Abschnitt.
Das Tor stand da mit seinen schweren Backsteintürmen, früher Teil der Stadtbefestigung, heute einfach da —
wachend, erinnernd.
Davor die zwei Löwen.
Einer wirkt, als würde er schlafen,
der andere hält den Kopf erhoben, aufmerksam.
Ganz kurz, zwischen Atem und Schritt,
dachte ich daran, wie viele Menschen hier schon durchgegangen sind, in ganz anderen Zeiten, mit ganz anderen Wegen vor sich. Ein stiller Moment, bevor Bewegung wieder die Oberhand gewann.
Dann nur noch Schritte.
Atem.
Noch einmal sammeln,
noch einmal weiter.
Im Ziel standen die Zahlen:
3:31:18 für mich,
4:03:06 für Thomas.
Danach bekamen wir noch eine Sportlermassage. Die Masseurin meinte, ich sei gut durch den Lauf gekommen, die Muskeln noch recht geschmeidig. Bei Thomas wurde noch ordentlich durchgeknetet, und wir sammelten langsam unsere Sachen zusammen. Dann waren wir schon wieder im Aufbruch. Auf dem Rückweg holte ich noch meinen Regenponcho, den ich zuvor, bei Kilometer 2, an einem Baum abgelegt hatte. Er wartete noch dort, zusammengeknittert, genau so, wie ich ihn zurückgelassen hatte. Es war Sonntag, und die nächste Woche wartete schon irgendwo. Und so gingen wir los und ließen den Abend ruhig ausklingen. Still — und in Bewegung.